Der Hund als Spiegel unserer Kindheit

In der Beziehung zu deinem Hund wird vieles von dem wieder berührt,  was du als Kind mit deinen Eltern erlebt hast. Ich erinnere mich an einen alten Mann aus meiner Gegend, der seinem Husky unbedingt abgewöhnen wollte, dass er zu anderen Hunden hinrennt, anstatt bei ihm zu bleiben. Der Husky jedoch war jung und kontaktfreudig und als alles Training nicht half, führte der Mann ihn fortan nur noch an der Leine und ging abseits der Wege mit ihm durchs Unterholz. Trafen wir uns dennoch und der Hund zog zu meinen Hunden hin, wurde der Mann wütend und schrie ihn an. Alle Gespräche konnten nichts daran ändern. Eines Tages hatte ich eine Eingebung und fragte ihn, ob er vielleicht als kleiner Junge selbst in dieser engen Weise für seine Mutter hatte da sein müssen. Er sah mich mit großen Augen an und verstummte. Dann blickte er betroffen auf seinen Hund und meinte flüsternd: "Ich bin tatsächlich wie meine Mutter. Sie ist auch so zornig geworden, wenn ich sie zu lange allein gelassen habe." Er hockte sich auf den Waldboden und sagte: "Ich weine jeden Abend darüber, wie ich zu meinem Hund bin, denn ich liebe ihn mehr als alles auf der Welt. Und ich hasse mich dafür, wenn ich nicht gut zu ihm bin, aber ich kann es nicht aufhalten." Ich spürte in diesem Moment einen tiefen Schmerz in meinem Herzen, den ich bis heute fühle, wenn ich Menschen sehe, die zu ihrem Hund anders sind, als sie es sein wollen. Es ist keine Zustimmung zu ihrem Tun, nur eine Zustimmung zu dieser Realität, dass wir ganz oft nicht wollen, was wir tun. Die meisten Menschen lieben ihren Hund von ganzem Herzen und spüren dennoch, dass sie im Umgang mit ihm nicht dieselbe Integrität besitzen wie er. Das erfüllt viele von uns mit tiefer Scham.

 

Anpassung & Aufspaltung
Ein Kind muss sich anpassen und eine Annahme durch die Eltern erreichen, damit es überlebt. Dazu verbindet es sich mit allen Anteilen, die die Eltern ausmachen - mit ihrem gesunden Anteil, dem traumatisierten und dem, der das Trauma bewältigt und sie im Alltag funktionieren lässt. Durch die Anpassung an die Aufspaltung der Eltern kann ein Kind oft keine ausreichend eigene Identität entwickeln. So beginnt es später unbewusst auch Identitätsanteile der Eltern zu leben, an die es sich anpassen musste. Mitunter hoffen Menschen, sie könnten dem ausweichen, indem sie genau das Gegenteil davon leben. 
Sie schlagen niemals, weil sie geschlagen wurden. Sie brüllen nicht, weil sie angeschrien wurden. Sie setzen keine Grenzen, weil sie Grenzsetzungen als unangemessen erlebt haben. Dieses "Weil" ist der Grund, warum Menschen dann innerlich an genau das gebunden bleiben, was sie nicht leben wollen. Sie agieren ihre Erfahrungen zwar nicht aus, doch sie beziehen sich durch den gelebten Gegenpol immer wieder auf das, was in ihnen noch nicht integriert ist.

Ein Anteil, der in uns abgespalten wurde, um ihn zu schützen, bleibt bis zu seiner Integration in dem Alter, das er damals hatte. Er ist also oft sehr jung und unreif. Das tritt deutlich zutage, wenn uns z.B. ein aggressiver Ausdruck unseres oder eines anderen Hundes in nackte Angst versetzt, die auch im Anschluss nicht abklingt. Oder wir kommen mit der Panik eines "Angsthundes" in Kontakt, der bei der Begegnung mit bestimmten Reizen kollabiert oder erstarrt. Kommen wir dabei selbst in Berührung mit unseren abgespaltenen Ängsten, wird das Thema des Hundes in unserem Leben einen beherrschenden Raum einnehmen. Ich habe viele Hundehalter kennengelernt, die auch noch Jahre nach der Integration des Traumas immer wieder vom Trauma des Hundes berichten mussten, weil ihnen ihr eigenes Trauma nicht bewusst war. 

Abwehr und Bewältigung

Wird im Umgang mit dem Hund ein eigener traumatisierter Anteil berührt, versuchen wir abzuwehren, was ihn berührt. Wir schalten in solchen Situationen innerlich entweder ab oder wir greifen auf den Anteil in uns zurück, der sich als Schutzpartner unseres Traumas entwickelt hat. Wir können ihn Bewältigungsinstanz nennen. Diese Bewältigungsinstanz in uns sucht nach Möglichkeiten, dem Hund abzugewöhnen, was uns in Not bringt. Der Plan des Bewältigers ist:  Wenn der Hund das und das nicht mehr tut, komme ich innerlich erst gar nicht in eine schlechte Verfassung und dann ist das auch gut für ihn. Wir vergessen dabei, dass durch eine Vermeidung unserer traumatisierten Anteile keine Integration stattfinden kann. Dazu braucht es den Hund als Spiegel und nicht als Dressurobjekt. Tipps, wie du den Hund in solchen Situationen besser in Griff bekommst, bewegen sich auf einer Ebene, die Trauma gar nicht erreicht. Dies ist auch der Grund für das empfundene Scheitern vieler Hundehalter und es erfüllt traumatisierte Menschen mit neuer Scham. Mit dir ist jedoch alles in Ordnung. Deine Identität setzt sich zusammen aus allen Anteilen, die in dir sind. Keiner davon soll verschwinden, sondern sich nur verbinden mit dem Rest. Dein Hund als Spiegel und/oder eine erfahrene Trauma-Therapeutische Begleitung können zu dieser heilsamen Integration beitragen. 

 

Trauma bei Hunden

Einige Hunde haben inzwischen ebenfalls ein Entwicklungstrauma nach einem Aufenthalt im Tierheim oder nach der Auslöschung ihrer Identität durch Starkdressur. Auch ein einmaliges Erlebnis wie ein Unfall, ein Beißvorfall oder eine OP kann zu einem Schocktrauma führen. Dieses Bewusstsein ist wesentlich, um zu verstehen, warum ein Abwehrverhalten eines traumatisierten Hundes nur seine eigene Bewältigungsstrategie des Traumas darstellt und keine Charaktereigenschaft von ihm ist. Sein System kollabiert bei einem bestimmten Reiz, der das Trauma berührt. Beginnt man dieses Verhalten nun seinerseits abzuwehren und zu unterdrücken, bringt man den Hund in die Dissoziation und in die innere Starre. Er schaltet ab. Dies nennen wir dann einen braven Hund.

 

Bewertungen

Mir erscheint von wesentlicher Bedeutung, die Bewertungen von brav, unfolgsam, gut hörend, schlecht hörend, guterzogen und schlechterzogen dauerhaft abzulegen. Erst wenn wir beginnen, unsere Identität, wie auch die des Hundes in allen Anteilen wahrzunehmen, können wir uns tatsächlich entwickeln. Ansonsten bleiben wir in einer Lebensbewältigung gefangen, die es uns nicht erlaubt, wirklich zu leben. 

Projektion

Ein traumatischer Hintergrund bei uns Menschen ist immer angefüllt mit großer Scham und Schuldgefühlen. Du wirst dich erinnern, wie es sich anfühlt, wenn jemand etwas Abfälliges oder auch nur nicht Zutreffendes über deinen Hund äußert. Die innere Zündschnur zu unserem eigenen Anteil fängt sofort Feuer und wir reagieren oft mit sehr heftiger Abwehr. Mir scheint, dass inzwischen jeder Tropfen zu viel ist, der als Beschämung noch von außen hinzukommt. Deshalb wehren wir sie so heftig ab. Häufig schieben wir sie dann zu unserem Gegenüber, um im Gleichgewicht zu bleiben. Wir werten den Anderen innerlich ab, beschimpfen ihn, wollen ihn vom Gegenteil überzeugen usw. Du erkennst eine traumatische Aktivierung in dir immer daran, dass sie noch lange nach dem Ereignis anhält.

Gesellschaftliches Trauma

Das Trauma-Erbe, das viele Generationen nach Kriegen und anderen tiefgreifenden Erlebnissen nicht integrieren konnten, wird an die nächsten Generationen weitergegeben, weil sich Kinder an die Aufspaltung ihrer Eltern anpassen müssen. Es sollte uns deshalb bewusst sein, dass jeder Mensch, der sein eigenes Trauma integriert, auch zur Heilung anderer beiträgt.

Der Hund als Spiegel

Durch meine Arbeit habe ich erfahren, dass Menschen besonders durch Tiere wieder Zugang zu ihren gesunden Anteilen finden. Das macht die Beziehung zu ihnen so einzigartig. Wenn wir uns auf die Spiegel einlassen, die uns der Hund jeden Tag vorhält, finden wir auch unseren persönlichen Weg, der uns Schritt für Schritt zu Heilung, Wahrheit und eigener Identität führt.

Gern unterstütze ich dich dabei in meinem Heilkreis.